Ein Wort zu Schuld und Verantwortung in Bezug auf Syrien

Im Frühjahr 2011, als Assad begann die Leute von der Straße schießen zu lassen, war der Konflikt mit Russland noch Zukunft. Das ganze Jahr 2011 über waren die Fronten völlig klar: vom IS noch keine Spur und selbst Al Nusra steckte noch in den Kinderschuhen; sie trat erstmals 2012 in Erscheinung – und dann auch noch längst nicht umfassend organisiert.

Der Westen hatte volle acht Monate Zeit, in einer eindeutigen Lage Partei für diejenigen zu ergreifen, die das Assad-Regime offensichtlich ermordete und den Diktator daran zu hindern. Und es wäre auch lange darüber hinaus noch ziemlich einfach möglich gewesen, Flugverbotszonen einzurichten und die demokratische Opposition zu bewaffnen. First come, first serve: Russland hätte sich damit abfinden müssen.

Zu dem typischen Zögern der Europäer – und insbesondere Deutschlands – kam in diesem Fall tragischerweise auch das Zögern der USA, die den außenpolitisch unfähigsten Präsidenten ever an ihrer Spitze haben.

Dass Russland seinen Verbündeten Assad mit Waffen beliefert, ist allgemein bekannt. Es hat schlicht keinerlei Sinn darauf zu hoffen, dass sich die Kreml-Position ändert. Sie ändert sich nicht; das ist ein Faktum, mit dem der Westen umzugehen hat.

Natürlich ist der Westen nicht schuld an Assads Bomben und an seiner Unterstützung durch die Mullahs und den Kreml. Aber er ist insofern verantwortlich für das syrische Desaster und für die über zwölf Millionen Syrer, die innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht sind, als es eine Unterlassungssünde ist, ihnen nicht geholfen zu haben, als es noch deutlich problemloser möglich war als jetzt, wo Putin das Ruder übernommen hat, um Assads Macht zu sichern und mit Atom-U-Booten als Abschreckung operiert.

Purer Zynismus ist es, wenn man diese Flüchtlinge nun nicht einmal aufnehmen will.

Ralph Boes: Williger Helfer der Kreml-Propaganda

Seit einigen Tagen zelebriert der Anti-HartzIV-Aktivist Ralph Boes in Berlin ein öffentliches Sanktionshungern. Zum Hintergrund siehe ganz unten, „Zur Vorgeschichte“.

Was mich an dem Theater inzwischen am meisten ärgert, ist diese grenzenlose Naivität (ich unterstelle keine Absicht), mit der Boes sich von der russischen Propaganda-Maschine instrumentalisieren lässt.

Mal angenommen, ich stimmte mit den Prämissen von Boes überein und würde mit meiner öffentlichen Aktion auf die Missstände des Sozialsystems in Deutschland hinweisen wollen: Ich würde Reporter von Russia Today, die über meinen Fall berichten, entweder rausschmeißen oder ihnen vor laufender Kamera ihren überhaupt nicht vorhandenen russischen Sozialstaat um die Ohren hauen, in dem Menschen tatsächlich verhungern, weil es kein sie auffangendes System gibt.

Die Führung eines zunehmend totalitären Staates, der seinen eigenen Bürgern jegliche soziale Sicherheit verwehrt, lässt den deutschen Ableger seines Propaganda-Mediums einen deutschen Aktivisten interviewen, der vergleichsweise alberne Missstände im deutschen Sozialsystem kritisiert. Und Herr Boes macht bei dieser Schweinenummer begeistert mit.

Widerlich.

 

Zur Vorgeschichte:

Ralph Boes und andere gehen davon aus, dass HartzIV in mehrfacher Hinsicht verfassungswidrig ist – vor allem, weil es ihrer Ansicht nach gegen Art. 1 Grundgesetz verstößt (Würde des Menschen). Insbesondere die Sanktionierung – also das Knüpfen der finanziellen Hilfe an (als willkürlich erlebte) Bedingungen und die Streichung der Mittel bei Weigerung bzw. Zuwiderhandlung – wird als illegitim und entwürdigend betrachtet.

Da alle zuständigen Gerichte aber nur innerhalb der HartzIV-Gesetzgebung urteilen, kann man auf normalem Weg nie das ganze System in Frage stellen. Deshalb hat Boes sich so lange Sanktionen eingehandelt, bis er überhaupt kein Geld mehr bekommen hat (er lebt von freiwilligen Spenden), will so darauf aufmerksam machen, dass er nun eigentlich Hungers stürbe und dass genau das doch unwürdig und unmenschlich sei.

Man kann durchaus darüber streiten, ob die Initiative nicht vor dem Hintergrund des Grundgesetzes in der Tat prinzipiell Recht hat – und auch darüber, ob manch Bedingung bzw. Maßnahme in der Tat reine Beschäftigungstherapie ist (die manche Menschen allerdings brauchen).

Ich will aber auch nicht verschweigen, dass ich in diesem Fall dafür plädieren würde, die Debatte komplett offen zu führen; denn auch das Grundgesetz ist ja nur ein System und durchaus hinterfragbar.

Mir geht dieses m.E. völlig unreflektierte Anspruchsdenken der Boes-Initiative jedenfalls dermaßen auf den Senkel, dass mich eine solch tabulose Debatte tatsächlich reizen würde.

Anthros, hört die Signale! :-)

„Ich erschaffe eine Ideenwelt, die mir als das Wesen der Dinge gilt. Die Dinge erhalten durch mich ihr Wesen. Es ist also unmöglich, nach dem Wesen des Seins zu fragen. Im Erkennen der Ideen enthüllt sich mir gar nichts, was in den Dingen einen Bestand hat. Die Ideenwelt ist mein Erlebnis. Sie ist in keiner anderen Form vorhanden, als in der von mir erlebten.“

(Rudolf Steiner, „Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert“, 1900/01)

„Verschwörungsideologien sind festgeschraubte Denkplaketten der Angst“

Unser Gastautor Paul Klingenberg über den Umgang mit Verschwörungsideologen. Das Spannende: Er war einst selbst einer.

 

Ich bin zwar noch nicht lange in der VAG („Virtuelle anthroposophische Gesellschaft“, eine Facebook-Gruppe – F.H.), aber dennoch in einem zwielichtigen Sinne ein Eingeweihter (auf unterer Stufe 😉 ), was die unheilvollen Verstrickungen zwischen Anthroposophie und Verschwörungsgespinsten betrifft. Die Werke und das Erwirkte Rudolf Steiners, das was er artikuliert und transportiert hat, sind mir meist im Leben begegnet . . . und die Person Rudolf Steiner immer als jemand, dem ich vertrauen kann, bei dem ich zwar innerlich wache Kritik in Bezug auf das Gesagte im Speziellen pflegte, bei dem ich aber nie die misstrauische Abneigung in Bezug auf die Gedankenwelt als Gesamtes empfand, wie es bei Verschwörungstheorien der Fall ist.

Was Verschwörungstheorien anbelangt, kann ich – insoweit der Vergleich statthaft ist, um ein Bild zu haben – darüber sprechen, wie ein clean gewordener Junkie. Ich war einmal sehr verzweifelt, verstand die Welt nicht mehr, war orientierungslos und wusste nicht wohin. Da dockte ich an dem großen undurchsichtigen Virenkonglomerat der Verschwörungstheorien an. Es fing an mit dem Film „Zeitgeist“, der damals in meinem Freundeskreis durch die Runde ging und vermutlich – im Tandemtritt mit dem anderen Einsteigerfilm „Loose Change“ – wohl 30-40% der Hirne meiner Generation darauf vorbereitete, eine lebensfeindliche, ins Wahnhafte und Paranoide hineinreichende, erkaltete Gedankenwelt in sich einzulassen und Wurzeln schlagen zu lassen.

 

Erklärungsnährboden einer ganzen Generation

Ich war elf Jahre alt, als die Twintowers zusammenkrachten. Zwei Jahre später, da war ich dreizehn, verfolgte ich die Fernsehbilder mit, wie amerikanische Soldaten die Husseinstatue in Bagdad umstürzten. Ich ging in eine bilingual geführte Schule mit internationalem Background, in meiner Klasse waren drei Kinder mit amerikanischen Eltern, von denen zwei den Krieg befürworteten. Der Vater eines anderen Klassenkameraden war Iraker. Er gab sich meist von der coolen Seite, war scheinbar abgebrüht. Als wir aber über das zu sprechen begannen, was uns beschäftigte und was wir aus den Medien aufschnappten; – bzw, was wir den Eltern nachplapperten – brach er bitterlichst in Tränen aus. Seine Familie bangte um das Leben seines Onkels. Es war dieses Erlebnis, das mich innerlich traurig darüber stimmte, dass dieser Krieg geschah, und es entfachte eine Empörung, die nichts mit der verbreiteten und letztendlich farblosen Denkschablone „Krieg ist scheiße“ zu tun hatte.

Zu dieser Zeit behandelten wir im Geschichtsunterricht die beiden Weltkriege. Ich wusste zwar, dass da „was Schlimmes“ passiert sei und dass das gar nicht so lange her ist, aber zum ersten Mal hörte ich bewusst von den Materialschlachten, den Grabenkämpfen, von Antisemitismus, dem Holocaust.

All das waren erstmal Erschütterungen und noch keine Schwellenerlebnisse. Verborgen zwar, meist auch von mir selbst unbemerkt – und ich denke für viele andere auch -, schwelte das Bedürfnis nach einer Erklärung, nach einem „deshalb ist das so und so“, was einem das Ungeheuerliche irgendwie begreiflich macht …

Ein Jahr später machte „Loose Change“ die Runde, wo es hieß, dass es die Amerikaner selbst gewesen sein sollen, welche die Türme gesprengt (!) hätten. Die Doku war schlecht gemacht, wirkte aber durch die stakkatoartige Berichterstattung (schnelle Bildwechsel; unruhiges, hastiges, sich selbst überschlagendes Sprechen, ähnlich wie bei Jebsen) überzeugend.
Gleichzeitig wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur besten Sendezeit der Michael Moore Film „Fahrenheit 9/11“ ausgestrahlt, den ich im „Kreise der Familie“ (wie sich das bürgerliche Scheinidyll vor dem Fernseher gerne nennt) ansah.

Ich könnte noch längere Ausführungen machen, aber mir geht es darum, dass in dieser Zeit ein Nährboden geschaffen wurde, für alle diejenigen, die dann, zehn bis 20 Jahre später, als vom Neoliberalismus Unzufriedene und Verhinderte, nach Strohhalmen greifen würden!

Viele von den Leuten, die mit „Loose Change“ und Michael Moore etc. aufgewachsen sind, hören heute noch Xavier Naidoo (und viele andere Rapper), sie sympathisieren aber nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seinen Ansichten, und ich denke, dass der Verschwörungskarren gerade erst richtig in Fahrt kommt, da seit der Jahrtausendwende systematisch viele Schlaglöcher eingeebnet, Gräben offensichtlicher Widersprüche künstlich überbrückt, Pfade des freien Denkens zu Vorstellungsautobahnen planiert worden sind.

 

Wenn jemand „9/11“ sagt, sagt er meist auch „Fed“ und „Rotschild“

Mir fallen da gerade zwei Parolen ein, die – auch wenn Parolen immer plakativ sind – gut passen. Es geht um ein „Wehret den Anfängen“ und ein „Keine Macht den Verschwörungsideologen“, ähnlich wie es heißt: „Keine Macht den Nazis“.

Ich bin mittlerweile einige Diskussionen mit Leuten, die von Verschwörungstheoritis befallen sind, durch. Sie sind zwar irgendwie auch und ein klein wenig zu bedauern, aber davon nur das Menschliche in Ihnen. In Wahrheit handelt es sich um eine schwerwiegende Besetzung, der kaum beizukommen ist. Mit den Dämonen, die diese Leute besetzen, kann man nicht vernünftig argumentieren, kann man nicht sprechen, es fehlt an Herzenswärme.

Der Vorwurf, die konsequente und ablehnende Haltung gegenüber Verschwörungsideologen sei diktatorisch, faschistoid und ein Denkverbot, ist nicht statthaft. Es ist so: Man bekommt irgendwann einen Riecher dafür, wo etwas faul ist. Wenn jemand „9/11“ sagt, sagt er meist auch „Fed“ und „Rotschild“. Ist das nun eine Pauschalverurteilung? Ja, sie trifft aber in 95% der Fälle zu.

Da ich selbst befallen war, weiß ich wovon ich spreche. Ganz tief und insgeheim denkt man, dass der andere, wenn er nicht der Ansicht ist, dass alles von der neuen Weltordnung gesteuert sei, dass die uns mit Chemtrails besprühen usw., dass der andere dann auch einer von den bösen – und da haben wir wieder das Wort – Widersachermächten ist.

Verschwörungsideologien sind festgeschraubte Denkplaketten der Angst, welche die Loslösung von süßlich-beißenden Ressentiments (wie Sandelholz), effektiv verhindert. Bei mir ging das soweit, dass ich mich, als ich mich in London aufhielt, von den Kameras des CCTV verfolgt fühlte, aber gezielt. Ich erblickte sogar eine in einem Baum versteckte Kamera am Flussufer der Themse; – die Kamera gab es wirklich, das Überwachungssystem auch, aber die ominösen Bösen hinter der Kamera, die ich in paranoid-depressiver Permaangst wähnte, die gab es freilich nicht. Klar, die Welt ist schräg, aber daran sind nicht die Illuminaten schuld!

Ich bin froh, dass ich über Letzteres Gewissheit habe und dass ich diese auch immer selbstbewusster zu verteidigen weiß. Manche Verschörungstheoretiker muss man einfach abwimmeln wie lästige Immobilienmakler, da hilft kein gutes Zureden, da hilft kein Zuhören, denn es gibt da nichts Dialogisches im Sinne Martin Bubers. Da gibt es eigentlich nur: „Wenn Du nicht meiner Überzeugung bist, gehörst Du zu den Bösen.“ Verschwörungstheorien sind Informationen, die sich wie Viren übertragen und als Engramm das Bewusstsein belegen. Sie sind nicht nur menschenfeindlich im Sinne des aggressiven Gerichtetseins gegen alles, was sich unter dem Begriff des „Anderen“ subsumieren lässt, sondern sie zerrütten auch den eigenen Seelenfrieden. In diesem Sinne bringen sie Unheil.

Ein Wahrwort – es stammt nicht von Steiner, sondern von einem nicht gar so wagemutigen Zeitgenossen, nämlich von Karl Popper – begleitet mich schon lange: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“
Daher kann ich in Bezug auf eine konsequent ablehnende Haltung gegenüber menschenfeindlichen Verschwörungsideologien nur sagen: Hut ab und weiter so!

 

Der Autor, Paul Klingenberg, geb. 1991, lebt in Graz und studiert Philosophie. Sein Bezug zur Anthroposophie, sagt er, war immer das Leben und dieser Bezug ist in letzter Zeit immer egoistischer geworden.

Nachklapp zu Jebsen & friends

Um mich völlig verständlich zu machen: Es genügt für Anthroposophen auch nicht, die Jebsens, Gansers, Elsässers, Popps und wie sie alle heißen, einfach im Namen des „freien Geisteslebens“ zu ignorieren – grundsätzlich nicht, aber erst recht nicht, wenn sie chez nous als Wanderprediger der Wahrheit gefeiert werden.

Und dabei geht es nur nachrangig darum, dass diese gesuchte Nähe der Anthroposophie und der Waldorfbewegung immensen Schaden zufügt. In erster Linie geht es um etwas eigentlich Selbstverständliches: um Integrität, um Glaubwürdigkeit und um ein Bewusstsein des Umstandes, was diese Herren mit ihrer perfiden Strategie für ein Desaster – zuerst in den Köpfen und dann, folgend, in der praktischen demokratischen Politik – anrichten.

 

„Israel ist in hohem Masse ein Unrechtsstaat und hat viel von den Deutschen von damals, als sie dran waren, gelernt …“

Das hat gerade ein Mitglied der Facebook-Gruppe „Virtuelle Anthroposophische Gesellschaft“ geschrieben. So lange „in unseren Zusammenhängen“ überzeugt vorgetragene Ansichten wie diese fröhliche Urstände feiern, weil man sich in anthroposophischen Binnendebatten vor dem vernichtenden Urteil der Außenwelt sicher glaubt, macht sich jeder Anthroposoph, der sich nicht klar und deutlich gegen diesen aggressiven Wahn ausspricht, zum Gehilfen der Bauernfänger und zum Anhänger des Ressentiments.

Ich habe langsam gute Lust, diesen ganzen säuselnd vorgetragenen aggressiven Schwachsinn zu sammeln und einem Vertreter der „Lügenpresse“ zu überantworten.

Ein Wort zu Ken Jebsen

„Immer wenn ich auf Youtube aus Versehen
ein Video von Ken Jebsen anklicke,
will ich auf der Stelle Zionist werden.

– Christian Ulmen

 

Ken Jebsen bedient mit seinen perfiden Nahelegungen, haltlosen Andeutungen und raunenden Fragen sowohl in Deutschland als auch insbesondere in der „alternativen Szene“ ohnehin schon in Besorgnis erregendem Ausmaß bestehende Ressentiments: gegen Israel, gegen die USA, gegen die Westbindung Europas, gegen „das Kapital“, gegen einen nicht fehlerfreien, aber seriösen Journalismus (Stichwort „Lügenpresse“).

Er agitiert tief eingebunden in ein Netzwerk aus sattsam bekannten Verschwörungsideologen, die sich ausschließlich wechselseitig und reihum durch Querverweise selbst adeln und bestätigen. Sein möchtegern aufklärerischer Duktus kontrastiert mit dem Irrwitz der vermittelten Inhalte aufs Abenteuerlichste.

Man könnte herzlich über diesen Unsinn lachen, wenn einem nicht immer wieder ausgerechnet Menschen aus der anthroposophischen Szene und der Waldorfbewegung zeigen würden, wie unfassbar anfällig sogar erwachsene, denkfähige Menschen für Propaganda, Lügen, Insinuationen und schlichten Stuss sind. Dass und warum man „chez nous“ auf diese Neigung zu Verschwörungsmythen aller Art, zu neurechten Ideologemen und zur Querfront-Bewegung dieser Tage trifft, hat unser Autorenkollege Ansgar Martins in diesem luziden Artikel auf seinem Blog dargelegt.

In jüngster Zeit wurde Ken Jebsen, der tragischerweise selbst ehemaliger Waldorfschüler ist, mehrfach zu Vorträgen oder Projekttagen an deutschen Waldorfschulen eingeladen. Man weiß nicht so recht, ob von Oberstufenschülern, Eltern oder einzelnen Lehrern. Die Schulen haben bislang ausnahmslos gut und richtig – wenn auch erst auf den letzten Drücker – reagiert, Jebsen wieder ausgeladen und entsprechende Distanzierungen veröffentlicht.

Das ist vollkommen richtig, denn auch Waldorflehrer haben – wie Lehrer überhaupt – u.a. die Aufgabe, ihre Schüler zu schützen und ihnen erst Urteilsfähigkeit zu vermitteln, indem sie ihnen das nötige Rüstzeug mitgeben, das es erlaubt, Wahn von Wirklichkeit, Nahelegung von Hypothese, Propaganda von Meinungsäußerung und facts von fiction zu unterscheiden. Phänomene wie Ken Jebsen stellen Lehrer hier vor neue Herausforderungen.

Und – nein! –, es ist nicht im Dienst von Vielfalt, Ausgewogenheit, Demokratie und freier Meinungsäußerung jeder noch so absurden Meinung ein Forum zu bieten – erst recht nicht vor unvorbereiteten Schülern. Das kann man allenfalls im Rahmen eines „Gegen Menschenfänger“-Projektes machen, in dem man Schüler zuvor gut vorbereitet und ihnen dann Jebsen oder einen der anderen „Wahrheitsritter“ gegenübersetzt. Vielleicht wäre das sogar ein heilsamer Ansatz.

Wenn der Zeitaufwand, der betrieben wird, um Jebsen & friends zu lauschen und ihren ausgelegten Fährten in trübe Gewässer zu folgen, darauf verwendet würde, sich tatsächlich und aus seriösen Quellen zu informieren, wäre in jedem Fall schon viel gewonnen.

Mein Abschied von der Idee des Grundeinkommens

Jahrelang habe ich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens unterstützt. Ich habe eingestimmt in den Chor derer, die „die Verhältnisse“ beklagen, die zur Verteidigung des Grundeinkommens unbezahlte, aber notwendige gesellschaftliche Arbeit anführen, die darauf hinweisen, dass das Individuum zum Überleben dazu gezwungen ist, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, statt sich „sinnvollen Dingen“ zu widmen, Tätigkeiten, für die es womöglich eine Berufung empfindet und die es „aus sich heraus“ tun will.

Dann habe ich begonnen mich intensiv mit der Wirtschaftsgeschichte und – das bleibt dabei nicht aus – mit dem Kapitalismus zu befassen, mit jenem wirtschaftlichen System also, das mir für all die oben aufgezählten Unzulänglichkeiten, für all das Unglück und die Unfreiheit des heutigen Menschen in so genannt zivilisierten Staaten verantwortlich zu sein schien.

Und bei dieser Befassung machte ich eine ganz erstaunliche Entdeckung, die nicht zuletzt meine Einstellung zum Thema „Grundeinkommen“ nachhaltig erschüttert und drastisch verändert hat.

Der viel gescholtene Kapitalismus nämlich ist das einzige Wirtschaftssystem, das tatsächlich sozial ist und es ist außerdem dasjenige Organisationssystem von Wirtschaft, das die größte individuelle Freiheit ermöglicht. Alles – und ich meine wirklich: alles –, was man ersinnen könnte, um das wirtschaftliche Miteinander von Millionen oder gar Milliarden von Menschen allgemeingültig zu organisieren, ist im Ergebnis weniger sozial und weniger frei.

Wie komme ich zu diesen – für viele Ohren vermutlich vollkommen absurd klingenden – Behauptungen?

Es ist im Kern ganz einfach erklärt. Der Kapitalismus fußt auf drei Axiomen:

  1. Persönliche Freiheit
  2. Privateigentum
  3. Freier Markt

„Persönliche Freiheit“ meint die Abwesenheit von willkürlichem Zwang, wobei „willkürlicher Zwang“ nicht in schlechtem Wetter, unwirtlichem Gelände, Pech oder ärgerlichen Kausalbeziehungen besteht, sondern gewaltsame Nötigung durch andere Menschen meint. Jedes Individuum soll in der Lage sein, das zu tun und zu lassen, was es will – so lange es dabei nicht in die genau gleich lautende persönliche Freiheit anderer eingreift.

„Privateigentum“: Es soll gelten, dass jedes Individuum Dinge, die es sich unter Berücksichtigung des Axioms der persönlichen Freiheit angeeignet hat, als unangefochten eigene Dinge betrachten darf, über die es selbst die ausschließliche Verfügungsgewalt hat.

Ein „freier Markt“ besteht genau dann, wenn das In-Beziehung-Treten verschiedener Individuen untereinander von persönlicher Freiheit und der wechselseitigen Anerkennung des Privateigentums gekennzeichnet ist. Wo vor diesem Hintergrund und ohne weitere Einmischung Dritter getauscht wird – ganz gleich, was und unter welchen verhandelten Bedingungen –, handelt es sich um einen freien Markt.

 

Im Mittelpunkt: der andere

Kapitalismus ist die weltweit erfolgreichste Bedürfnisbefriedigungs-Einrichtung in der Menschheitsgeschichte. Arbeit in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem ist grundsätzlich Arbeit für andere. Nur, wenn ich damit Bedürfnisse anderer Menschen befriedige, werde ich Abnehmer für mein Angebot finden. Und nur, wenn ich sie auf Dauer bestmöglich befriedige, werde ich dauerhaft Abnehmer finden, denn ich stehe im Wettbewerb mit anderen Anbietern, die jene Bedürfnisse ebenfalls befriedigen.

Anders herum betrachtet: Ich habe ein bestimmtes Bedürfnis. Je nach Artung dieses Bedürfnisses – wie viele andere haben es auch, wie aufwändig ist es, dieses Bedürfnis zu befriedigen? – treffe ich im Markt auf gar kein, ein sehr kleines oder ein beinahe unüberschaubar großes Angebot; die Übergänge sind natürlich fließend.

Abhängig von eben jener Artung des Bedürfnisses ist auch der Preis seiner Befriedigung. Das führt dazu, dass Angebote, die ein relativ unkompliziertes Massenbedürfnis befriedigen, wie beispielsweise die notwendigen Grundnahrungsmittel, stets zum einen in ausreichender Menge und zum anderen zum niedrigstmöglichen Preis zu bekommen sind.

Je ausgefallener meine Bedürfnisse sind, umso länger werde ich nach Befriedigung suchen und umso mehr werde ich in der Regel dafür bezahlen müssen – möglicherweise so viel, dass ich mir die Sache, um die es geht, gar nicht leisten kann.

Aber selbst damit muss ich mich nicht abfinden, denn ich habe zwei Möglichkeiten, mein Bedürfnis doch noch zu befriedigen: Zum einen kann ich darauf sparen – übersetzt bedeutet sparen: ich verzichte eine Zeit lang auf die Befriedigung anderer Bedürfnisse, um die Mittel zu erhalten, die mir später zur Befriedigung dieses einen Bedürfnisses dienen –, zum anderen kann ich selbst unternehmerisch tätig werden und Mittel erwerben, die mir dazu verhelfen, das vom Markt nicht befriedigte Bedürfnis selbst zu befriedigen.

Letzteres werde ich – unter der Voraussetzung genügend großer Energie – möglicherweise in zwei Fällen tun: Wenn ich davon ausgehe, mit meinem Bedürfnis eine Marktlücke getroffen zu haben – wenn es also unerkannte Nachfrage nach etwas gibt, das noch gar nicht oder wenig angeboten wird – oder wenn ich der Ansicht bin, dass ich das nachgefragte Gut besser oder billiger bereitstellen kann als die bisherigen Anbieter. Auch in diesen beiden Fällen liegt mein Fokus auf dem Bedürfnis anderer.

Sollte ich mit meinem Bedürfnis der Einzige weit und breit sein, und sollte es sich herausstellen, dass dies vermutlich auch so bleiben wird, dann ist seine etwaige Befriedigung kein wirtschaftlicher Akt mehr, sondern ein Privatvergnügen.

 

Keine Ausnahme: der Arbeitsmarkt

Das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, das sich aus menschlichen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung ergibt, gilt selbstredend – und auch dann, wenn diese Betrachtung in unseren Zusammenhängen besonders verpönt ist – genau so für den Arbeitsmarkt. Sowohl der Arbeitskraft suchende Unternehmer als auch der diese Arbeitskraft anbietende Bewerber um eine Stelle formulieren in Nachfrage und Angebot jeweils Bedürfnisse: der Unternehmer bedarf eines fähigen und zuverlässigen Mitarbeiters, um wiederum seine Kundennachfrage bestmöglich befriedigen zu können, was ihm schließlich ein Einkommen beschert; der Bewerber möchte eine ihn möglichst befriedigende Tätigkeit ausüben, die ihn in die Lage versetzt, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

So lange niemand den Bewerber daran hindert, selbst ein Unternehmen zu gründen – für den Fall, dass er seine „Arbeitskraft nicht verkaufen“ will (auch wenn es sich als Illusion herausstellen wird, dass dies im Unternehmerfall und selbst im Fall des Aufbaus einer Subsistenzwirtschaft anders sei) – und so lange niemand Drittes in die Verhandlungen eingreift, die Unternehmer und Bewerber um die Bedingungen führen, zu denen das „Beschäftigungsverhältnis“ zustande kommt – kurz: so lange kein willkürlicher Zwang ausgeübt wird –, ist der Arbeitsmarkt keine Ausnahme von der auf Bedürfnisbefriedigung anderer setzenden Regel des Kapitalismus.

Der Kapitalismus ist also sozial, weil er in seinem Kern um die bestmögliche Befriedigung der Bedürfnisse anderer Menschen kreist. Und er dient der Freiheit, weil niemand diese Bedürfnisse oder ihre Befriedigung künstlich beschränkt oder vorgibt.

 

Kritik am Grundeinkommen

In der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens finden sich fatale Denkfehler. Als „menschenwürdig“ wird in der Grundeinkommenstheorie nicht die vorausschauende Eigenverantwortlichkeit des Menschen bezeichnet – also etwa die vorausschauende Handlung, Zeit seines erwerbstätigen Lebens etwas zurückzulegen, um sich später, wenn nötig, eine gute Pflege leisten zu können –; nicht die immense Freiheit der Berufswahl und die Möglichkeit ihrer Veränderung; und auch nicht der Umstand, dass eine erfolgreiche eigene Tätigkeit nur dann möglich ist, wenn sie anderen Nutzen stiftet.

Als „menschenwürdig“ gelten in der Grundeinkommenstheorie ganz im Gegenteil gesellschaftliche Bedingungen, unter denen jeder, ohne jede Rück- und Vorsicht, „wirtschaften“ kann, wie es ihm selbst gerade in den Sinn kommt und ganz gleich, ob sich für sein Angebot irgendwelche Abnehmer finden bzw. was es diesen tatsächlich wert ist. Das „sich selbst verwirklichende“ Individuum in diesem Sinn ist nun aber gerade das unsozialste Wesen, das vorstellbar ist. Und viele davon auf einem Haufen zerstören jede Gesellschaft in kürzester Zeit, weil sie in einem sich ansonsten selbst, frei und vernünftig organisierenden sozialen Organismus die Binnenbezüge zerschneiden und ihn auf diesem Weg atomisieren.

Anders gesagt: Es ist kein Nachteil, sondern ein großer Vorteil und überdies der Motor des Kapitalismus, dass er wirtschaftliche Tätigkeit nur in Bezug zu den Bedürfnissen anderer Menschen ermöglicht. Noch anders und pointiert: Wer Bilder malt, die keiner sehen will, wird sich verständlicherweise auf ein Grundeinkommen freuen, aber er wird hoffentlich keines bekommen.

 

Warum nicht ein Versuch unterhalb der staatlichen Ebene?

Alles, was man an der Grundeinkommensidee positiv finden kann – den Willen zur Förderung persönlicher Freiheit, das behauptete Soziale –, gehört zum Kern des kapitalistischen Wirtschaftens. (Man müsste, um das zu begreifen, nur endlich unterscheiden lernen zwischen Idee und Praxis des Kapitalismus auf der einen Seite und demjenigen, was der persönliche Freiheit beschneidende, regulierende, marktlenkende, einzelnen Akteuren Privilegien verleihende politische Staat daraus jeweils macht, auf der anderen.) Der Kern der Grundeinkommensidee allerdings – die bedingungslose und also aus den Bezügen von Angebot und Nachfrage losgelöste, dauerhafte Gewährung eines Einkommens – wäre als allgemeingültige gesellschaftliche Norm ein Desaster, weil er die Selbstregulation des sozialen Organismus zerstört.

Ganz anders verhielte sich die Sache aber dann, wenn die Idee des Grundeinkommens von einer genügend großen Menschengemeinschaft, aber deutlich unterhalb der Staatsebene, auf freiwilliger Basis versuchsweise realisiert würde. So schwer kann das ja nicht sein, wenn so viele davon begeistert sind. Da wäre insofern keine Gefahr im Verzug, weil das Außenverhältnis dieser Gruppe zur Restgesellschaft nach wie vor auf den kapitalistischen Säulen ruhte und man so in aller Seelenruhe beobachten könnte, wie sich dieses Biotop als gesellschaftlicher Teilnehmer entwickelt: ob es reicher wird oder nicht, ob es zufriedener wird oder nicht, ob es – in sich und nach außen – friedlich bleibt. Ich wage all das zu bezweifeln, aber auf einen solchen Versuch käme es immerhin an.

Der Zins und seine Funktion im freien Markt

Geld unterliegt, wie alle anderen knappen* Güter auch, dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Wer ein Unternehmen auf- oder ausbauen will, benötigt jetzt Geld, mit dem er diverse Anschaffungen tätigt, zusätzliche Arbeitskraft bezahlt oder sonstige Maßnahmen finanziert, die dazu führen sollen, dass die Unternehmung in Zukunft Gewinn erwirtschaftet. Seine Nachfrage nach Geld ist also hoch.

Wo bekommt jemand, der erhöhte Nachfrage nach Geld hat, dieses Geld her? Von anderen Menschen, deren Nachfrage nach Geld aktuell niedrig ist und die deshalb dazu neigen, dasjenige Geld, das sie nicht für den regelmäßig nötigen Konsum brauchen, zu sparen. Diese Sparer fungieren auf dem Markt als Anbieter von Geld – eben jenem Geld, das sie derzeit selbst nicht benötigen und also erübrigen können.

Die meisten Anbieter von Geld sind bereit ihr Geld unter zwei Bedingungen zu verleihen:

  1. möchten sie sich ihren aktuellen Konsumverzicht vergüten lassen (auch, um in der Zukunft mehr Geld für dann in ihren Augen vielleicht sinnvolleren Konsum zu Verfügung zu haben),
  2. wollen sie für das Risiko entschädigt werden, das durch das Verleihen ihres Geldes an andere grundsätzlich gegeben ist – und zwar umso höher, je größer das Risiko ist.

Das Resultat dieser beiden Verleihbedingungen ist der Marktpreis des Geldes, der Zins.

Welche Höhe hat dieser Zins, wie bestimmt sich der „Preis des Geldes“? Ganz genau so, wie alle anderen Marktpreise auch: durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Ist das Angebot an Geld hoch und die Nachfrage nach Geld niedrig, wird der Zins in Richtung Null tendieren. Ist umgekehrt das Angebot an Geld niedrig und die Nachfrage hoch, steigt entsprechend auch der zu zahlende bzw. zu erzielende Zins, unter Umständen ganz immens.

Das Wichtige an der Höhe des Zinssatzes ist aber seine Signalwirkung, die weit über die unmittelbaren Belange des Einzelnen – ob des Anbieters oder des Nachfragers – hinausgeht und wesentliche Folgen für die gesamte Wirtschaft hat.

Denn: Niedrige Zinsen (=hohes Angebot an Spargeld) signalisieren dem Markt und vor allem den Unternehmern darin folgendes: „Wir, die Konsumenten, sind satt; wir wollen zurzeit weniger konsumieren, weil wir von demjenigen, was es gibt, genügend haben. Also, liebe Unternehmer: Macht was Neues, Besseres, Anderes!“ – Da trifft es sich blendend, dass Geld für Investitionen eben aufgrund des hohen Angebotes an Spargeld gerade billig zu haben ist: genau der richtige Zeitpunkt für Investitionen, Innovationen, Neugründungen.

Ist der Zins hingegen hoch (=niedriges Angebot an Spargeld), ist das Signal das gegenteilige: „Liebe Unternehmer, haltet die Füße still, wir sind noch lange nicht damit fertig, die Dinge zu konsumieren, die ihr dem Markt aktuell zu Verfügung stellt; die finden wir total geil und wir wollen mehr vom selben.“ – Da dieser Konsumentenwille sich gleichzeitig im hohen Zins ausdrückt, werden Unternehmer zögern, gerade jetzt zu investieren. Und sie tun gut daran.

Nota bene:

Diese Zusammenhänge gelten für einen freien Geldmarkt, in dem es keine staatlichen Eingriffe in den Marktzins (und auch keine in die Geldmenge)  gibt. Gleichzeitig zeigt das Dargestellte, warum diese staatlichen Eingriffe in die Preisbildung gerade beim Zins im Grunde die fatalsten und schädlichsten Eingriffe in Preisbildungen sind, die der Staat vornimmt: der komplette wirtschaftliche Organismus wird dadurch gestört, weil die Signale nicht mehr funktionieren. Boom-and-bust-Zyklen sind die Folge ebenso wie sie in technologischem Stillstand, Unter- oder völliger Überversorgung (kurz: systematische Fehlallokation von Ressourcen), vermehrten Unternehmespleiten usw. bestehen können.

P.S.: Ergänzung zum Thema Zinskritik von Ralf Karnowsky (danke Ralf!):

Nicht zu bestreiten ist der Wahrheitsgehalt der mathematischen Expotenzialgleichungen, mit der Zinskritiker immer wieder die von ihnen vertretenen Thesen untermauern. Doch sie übersehen dabei einen wesentlichen Aspekt: Die Empfänger der Zinszahlungen bestehen über die Zeitschiene hinweg nicht aus denselben Personen. Durch die ‚soziale Mobilität‘, die der Kapitalismus durch die Aufhebung der feudalistischen Ständeordnung in Gang setzte, werden aus ‚Habenichtsen‘ Vermögende und umgekehrt – dies ist anhand von hunderttausenden Biographien belegbar. Das bedeutet, dass sowohl die Zinsen als auch der dazugehörige Kapitalstock immerfort in die Hände anderer Individuen gelangt. So besteht zwar immer eine Schicht von ‚Reichen‘ (dies ist sowohl Voraussetzung als auch Wirkung der Funktion des kapitalistischen Systems) -, diese setzt sich aber fortwährend aus anderen Personen zusammen. Die „Konzentration von Kapital in immer weniger Händen“ erfolgt nur, wenn die soziale Mobilität ausgehebelt wird, indem der Staat Firmenpleiten verhindert oder Besitzer von Staatsanleihen südeuropäische Länder auf Kosten der Steuerzahler rettet.

*Knappheit im ökonomischen Sinn meint nicht (nur) die Endlichkeit eines Gutes, sondern in erster Linie den Umstand, dass ein und dasselbe Gut von mehreren Menschen zur selben Zeit nachgefragt wird. ( -> zurück zur Texstelle)

 

Die Deutschen und der Krieg

Gedanken anlässlich des verzweifelten ukrainischen Verteidigungskrieges gegen die Aggression des Kreml – und anlässlich deutscher Reaktionen darauf.

Man rege sich nicht auf, es ist ein typisch deutscher Defekt: Die Deutschen denken bei jenem Krieg, den sie auf der Welt stets vermeiden wollen, immer an ihre Eltern und Großeltern, an deren Freunde und Verwandte in den Luftschutzkellern Hamburgs und Dresdens, statt an überfallene andere Länder, statt an die zig Millionen ermordeter Juden, Sinti und Roma, Homosexueller usw. usf. Sie denken nicht an die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht und der SS, nicht an das Schlachten in deutschen KZs; sie denken an Bomben aus englischen und amerikanischen Flugzeugen. Dieser Krieg, den man in aktueller Stellvertretung jeweils ablehnt, ist der vernichtende Luftkrieg des anglo-amerikanischen Satans, weshalb man diesem Letzteren auch alles Böse und alle Niedertracht zutraut und ihn ewig schuldig spricht – genau so, wie man den Juden nie verzeihen wird, dass sie sich ausgerechnet auf deutschem Boden und von deutschen Herrenmenschen haben abschlachten lassen.

Es hat keinen Sinn, sich darob zu erregen; das ist tief in die kulturelle deutsche Genetik und das tradierte Narrativ integriert; es ist ein Reflex der Schuldabwehr. Man wird noch mindestens zwei Generationen brauchen, bis der Durchschnittsdeutsche wieder klar in die Welt blicken kann. Es ist auch nicht zwingend etwas Persönliches, sondern Ausdruck des kollektiven Gedächtnisses. Anders ist jedenfalls mir der Irrsinn, der deutsche Münder und Federn regelmäßig zum Thema Krieg und Frieden verlässt, nicht erklärbar.

Diese Perspektivenverzerrung, diese unerträgliche Äquidistanz zu Armeen – ganz gleich, worauf, aus welchem Grund und mit welchem Ziel sie schießen – einerseits, die Blindheit gegenüber stattfindenden Kriegen ohne amerikanische oder israelische Beteiligung andererseits findet ihren Gipfel darin, dass die deutsche Friedensbewegung sich mit ihrem Slogan „Nie wieder Krieg!“ seit Jahrzehnten auf den Schwur von Buchenwald beruft – wahnsinniger geht es nicht.

Der Schwur von Buchenwald ist ein Dokument des Dankes an die alliierten Befreiungs-Armeen und ein solches der Entschlossenheit des Kampfes gegen den aggressiven, Menschen mordenden Nazismus – gegen jeden aggressiven, Menschen mordenden Wahnsinn. Die Schreckensherrschaft Nazideutschlands ist nur durch den alliierten Krieg beendet, seine Ausdehnung nur durch diesen Krieg verhindert worden. Die Slogans „Nie wieder Auschwitz!“ und „Nie wieder Krieg!“ schließen einander im Fall der Fälle kategorisch aus.

Um es einmal mehr mit Wolfgang Pohrt zu sagen:

„… in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, dass es Schlimmeres geben kann als den Krieg; dass Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wirklichen Befreier und den Krieg als wahren Sachverwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes.“

 

Zur aktuellen Krise im Nahen Osten: Antwort an einen deutschen Freund

Der folgende Brief stammt von einem Autorenkollegen, einem in Deutschland lebenden jüdischen Anthroposophen, der hier einem deutschen Freund antwortet. – F.H.

Lieber G.,

ich danke Dir für Deine Unterstützung und für Deine Sorgen bezüglich der Situation von uns Juden zurzeit hier in Deutschland. Bitte erlaube mir ein paar Gedanken zu formulieren, die einem Juden, der immer versucht hat und versuchen wird, differenziert auf den Nahostkonflikt zu blicken, in diesem Augenblick der Krise durch den Kopf und durchs Gemüt gehen.

Du schreibst mir, dass ich in meiner Stellungnahme zum aktuellen Konflikt in Gaza einseitig bin. Du hast Recht. Ich habe absichtlich die Schuld und die Verbrechen der Hamas und Konsorten hervorgehoben und meine Kritik an der israelischen Politik und den rechten Scharfmachern zurückgehalten.

Warum?

Weil kaum einer von den deutschen, britischen und sonstigen Gutmenschen bei der Presse und am Stammtisch wirklich klar und deutlich ausspricht, wer es ist, der der Verursacher des Blutvergießens ist, wer die Kinder und die Zivilbevölkerung als Geisel missbraucht, wer sie mit eliminatorischem Antisemitismus indoktriniert und zum Töten der „jüdischen Schweine“ dressiert (übrigens: nicht nur die Hamas; im ganzen Schulsystem, auch unter dem Fatah-Regime, werden Judenhass und Lügenpropaganda betrieben).

Israelkritik – egal ob sie von Juden kommt oder von Nicht-Juden – hat nur dann Legitimität, ist nur dann glaubwürdig, wenn man das tut.

Wo gehen Leute auf die Straße, um gegen die Verbrechen der klerikal-faschistischen Islamisten – die Oppositionelle hinrichten, Schwule verfolgen, Frauen unterdrücken, Kinder als lebende Schutzschilder benutzen und Raketen in Schulen lagern und von Krankenhäusern abschießen – zu protestieren? Stattdessen wird Israel angeprangert.

Gestern hieß es in den Vox-Nachrichten, dass im Zuge des Eingreifens der israelischen Armee im Gazastreifen 600 Menschen, hauptsächlich Zivilisten, ermordet (!) wurden. Entlarvende Worte, die den Israelis die Absicht unterschieben, Unschuldige vorsätzlich umzubringen! Diese Stimmung  in Europa spielt dem islamistischen Antisemitismus in die Hände und ist selbst oft von einem halb-verschämten Antisemitismus gespeist. Das fördert zugleich die verstockte Haltung der israelischen Hardliner, aber auch die Resignation vieler kritischer, friedenswilliger Israelis gegenüber dem besserwisserischen Moralisieren von Europäern, die keine Ahnung haben, was es heißt, vor Ort mit der Situation fertig werden zu müssen.

Wenn Berlin, Zürich oder Paris unter fortgesetztem Raketenhagel leben müssten, wenn Berliner, Zürcher oder Pariser umkreist wären von einer Bevölkerung, wo totalitäre Meinungsführer die Oberhand haben, die riefen: Tod den Berlinern, den Zürchern oder den Parisern – was würden diese Berliner, Zürcher oder Pariser sagen, wenn die ausländische Presse schriebe: dann zieht euch doch aus den Gebieten zurück, die ihr besetzt haltet, um euch angeblich zu schützen. Und wenn Ihr schon zuschlagt, dann bitte mit „gebotener Zurückhaltung“.

Problem nur: aus Gaza haben sich die Israelis zurückgezogen. Und was ist das Resultat? Eine ganze Bevölkerung in Geiselhaft einer faschistoiden, islamistischen Bande, die die israelische Bevölkerung unter monate-, wochen-, jahrelangem Raketenhagel hält. Israel hat sich lange zurückgehalten! Und wie bitte soll jene dauernd beschworene „Zurückhaltung“ bei einer akuten militärischen Intervention konkret eigentlich aussehen – angesichts der oben genannten perfiden Methoden einer asymmetrischen Kriegsführung? Das hat mir noch keiner erklären können!

Ich habe also bewusst einseitig geschrieben, weil ich das erwarte, bevor ich bereit bin, über Rücksichtslosigkeiten der Israelis zu sprechen, über Rassismus in Israel, über Großisrael-Ideologien, über schleichende Verrohung, Mangel an Mitgefühl für die Opfer in Gaza bei manchen Israelis und der drohenden Erosion demokratischer Grundwerte. Ich verabscheue Fanatismus, egal von wem er kommt.

Einseitige, propagandistische Parteinahme für Israel seitens bestimmter Gruppen oder Autoren da, wo auch  Kritik an Regierungsentscheidungen angebracht wäre, ist mir oft peinlich und das bloße Schulterzucken über „Kollateralschäden“ halte ich für herzlos, fahrlässig und gefährlich. Aber die Einseitigkeit der meisten Israelkritiker und die Stimmung, die erzeugt wird, veranlassen mich – jedenfalls im Augenblick dieser akuten Krise – bewusst so Stellung zu nehmen, wie ich es tue.

Hamas kämpft einen aussichtslosen Kampf auf dem Schlachtfeld. Das wissen sie. In Wirklichkeit ist es unter anderem ein Propagandakampf, den sie schlau in die westlichen Medien und in die westliche Öffentlichkeit hineintragen, und viele fallen darauf herein. Ziel erreicht!

Als Jude schäme ich mich über Manches, was Juden oder Israelis sagen oder tun. Als Europäer schäme ich mich, wie in Europa über die Gewichtungen in dem Konflikt gesprochen wird. Ein Jude hat immerhin die Ausrede, dass es ihm ums schiere Überleben geht. Als Europäer hat man solche Ausreden nicht. Und so edel es dann klingt, wenn man den Antisemitismus, der sich auf den Straßen der europäischen Hauptstädte zurzeit wieder dreist kundtut, verurteilt: es ist nicht damit getan.

Denn das, was Hamas und andere Islamisten antreibt, ist Antisemitismus – militant, fanatisch, eliminatorisch. Verurteile ich ihn hier, muss ich ihn auch dort verurteilen. Und zwar rückhaltlos und nachhaltig.

Wenn das klar und unmissverständlich getan ist, dann ist es angebracht, Kritik an Versäumnissen oder problematischen Entscheidungen der israelischen Regierungen zu üben,  Bestürzung über einen grassierenden Nationalismus und Rassismus bei einem Teil der israelischen Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen usw.

Vielleicht sollten wir alle – Juden und Nicht-Juden, die nicht vor Ort leben, aber den ungeheuren Schaden an Leibern und Seelen aller Menschen dort einigermaßen mitbekommen – im Augenblick am besten eines tun: schweigen und beten. Wenn die Gewichtungen der wirklichen Verhältnisse aber verzerrt dargestellt und unreflektiert weitergegeben werden, wie es der Fall ist, muss man sie zurechtrücken.

Mit freundschaftlichem Gruß
J.