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Dornach-Reportage

Vorbemerkung

Dieser Text erschien unter dem Titel „Das Mysterium des Bluthügels“ in der Dezember-Ausgabe des Jahres 2010 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Die Leserbriefe in seiner Folge offenbarten – neben einigen wenigen erfreulich freudigen Zuschriften – die eingefleischte, gruselige Humorlosigkeit der anthroposophischen Szene. Aber es war immerhin ein Anfang gemacht und wir legten nur ein Jahr später und zusammen mit Christian Grauer und Christoph Kühn mit unserem Buch „Endstation Dornach – Das sechste Evangelium“ nach. Die Mission lebt und wir bleiben am Ball! :-)

 

Das Mysterium des Bluthügels

Dornach: Für die meisten Menschen – solche wenigstens, die es überhaupt kennen – ist es ein kleines Städtchen bei Basel, für manche hingegen ist es das Zentrum der Welt. Für Ansgar Martins und Felix Hau stellt es  immer wieder eine spannende und rätselhafte Herausforderung dar. Und so machten sie sich im September auf, um jenes Gelände zu erkunden, auf dem einst das Zentrum der anthroposophischen Bewegung gegründet wurde, und sich von der Kolonie-Atmosphäre des Dornacher Hügels, von seinen Menschen, Gebäuden und Geschichten zu der einen oder anderen Betrachtung inspirieren zu lassen.

Von Ansgar Martins und Felix Hau

Ein armer Felsen findet, wenn die Kirche darauf erst einmal gebaut wurde, natürlich weit weniger Beachtung als das sakrale Bauwerk selbst. So gibt es denn auch zahlreiche Studien zu dem symbolschwangeren und architektonisch zumindest irritierenden Goetheanum Rudolf Steiners. Aber was es genau mit dem ominösen Dornacher Bluthügel auf sich hat, den der “organische” Betonkoloss ziert – wer weiß das schon? Während unseres dreitägigen Aufenthaltes konnte uns das leider niemand so ganz genau sagen. Allerdings entstanden diese und andere Fragen sowie mannigfaltige Eindrücke auch erst im Laufe unseres Ausfluges, der ja ganz beabsichtigterweise wenig geplant war und viel Raum für Abenteuerliches lassen wollte.

 

Eine verpasste Abfahrt und zwei französische Damen

Um acht Uhr an einem schönen Sonntag Abend passieren wir nach einer etwas zähen  Autobahnfahrt die Schweizer Grenze und finden uns keine zwanzig Minuten später bereits in der Beschaulichkeit des Unterdornacher Kreiselverkehrs wieder. Und prompt die Abfahrt links in die Spitalstraße verpasst; jedesmal derselbe Mist! Aber wir wissen ja, wie wir doch noch die Kurve kriegen: Einfach weiter geradeaus und – zack! – scharf links in den Oberen Zielweg. Das hat in diesem Fall den Vorzug, dass wir jetzt genau dort herauskommen werden, wo wir sowieso hinwollen.

Unsere Freundin und Gastgeberin K. empfängt uns mit zweierlei Spaghetti und leckerem Rotwein. Es ist noch angenehm warm und so setzen wir uns zum Essen auf die Terrasse. K. erzählt von den beiden bereits betagteren französischen Damen, die vis-à-vis in einem ganz nett geratenen geisteswissenschaftlich geformten Haus leben. Kaum jemand kennt sie, weil sie ihre Wohnstatt so gut wie nie verlassen. Sie beschäftigen sich wohl sehr mit Steiner, sagt man. Als um zehn Minuten nach Mitternacht bei ihnen immer noch Licht brennt, beginnen wir die französischen Steinerfreundinnen unbekannterweise in unser Herz zu schließen, denn außer uns sind sie damit die einzigen Erleuchteten in dieser ersten Hügelnacht: In strenger Stockdunkelheit gemahnen die Fenster der sonstigen Wohnhäuser bereits kurz nach Sonnenuntergang an den nächsten arbeitsreichen Tag.

Es gibt in der Dornacher Kolonie kaum nachbarschaftliche Kontakte außerhalb von Arbeitszusammenhängen, berichtet K. als wir fragen, ob man sich hier nicht mal abends auf einen Wein trifft; smalltalk ist verpönt. Wir lassen uns davon wenig beeindrucken und “talken” noch bis spät in die Nacht weiter, um dann in froher Erwartung des kommenden Tages angenehm ermattet auf das Lager zu sinken.

 

Schweinchen, Pilger und das schreiende Gesicht

Die Luft in Dornach scheint gut zu sein und das Wetter ist wider Erwarten und im Gegensatz zu Deutschland ausgesprochen sommerlich. Prächtig ausgeschlafen und befrühstückt treten wir am späten Montag Vormittag unsere erste Hügelbegehung an – “bei strahlendem Sonnenschein”, würde es jetzt passenderweise heißen müssen. Es ist allerdings, um genau zu sein, verdammt heiß; die auf die Erde zielenden Liebeslanzen dürften sich bei ihrer Befruchtung der keuschen Blütenkelche (alles Original-Steiner!) heute ruhig ein wenig zurückhalten, zumindest, wenn’s bergauf geht. Beim Anstieg über den Rüttiweg fragen wir uns, warum der “Menschheitsführer” eigentlich ganz unten am Hügel, in der Villa Hansi, Wohnung nahm und kommen zu dem Schluss, dass er dafür schon seine Gründe gehabt haben wird. Und es müssen gewichtige Gründe gewesen sein, soviel ist klar. Eine Kosten-Nutzen-Analyse, die dieses Bergsteige-Martyrium in seiner täglichen Wiederholung als “nicht weiter wild” ausweist, muss dem Wohnen abseits des selbstevozierten Getümmels einen ziemlich großen Vorteil zumessen… oder Steiner brauchte einfach ein bisschen Fitnesstraining am Morgen.

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Auf halbem Weg halten wir abrupt an, weil Ansgar das Schweinchen erblickt. “Da, das Schweinchen!”, ruft er begeistert und Felix sucht zunächst in den Hecken vor dem Witzenmannzentrum nach Spuren animalischer Präsenz. Ansgar pariert das mit einem ungeduldigen Schnalzlaut und weist mit gestreckter Hand auf das Goetheanum. “Genau von hier, aus dieser Perspektive, sieht es aus wie ein Schweinchen” freut er sich – und Felix freut sich von Herzen mit als er es entdeckt. Von wegen Schädel! Ha! In der Draufsicht vielleicht. Aber wer fliegt schon übers Goetheanum –Willy Storrer (1) mal außen vorgelassen?

Wir haben einen Termin mit Robin Schmidt in der “Forschungsstelle Kulturimpuls”. Nur – wo ist die? Ratlos blicken wir uns auf dem Goetheanum-Vorplatz um. Einfach jemanden fragen? Nein, das wäre langweilig. Wir beschließen unsere Intuitionsfähigkeit zu testen, öffnen uns dem Kosmos und suchen nach sprechenden Zeichen. Als Felix gerade dem Flug einer irgendwie salomonisch wirkenden Krähe folgen will, tippt uns K. von hinten auf die Schultern: “Ihr müsst da rechts rauf und dann am Haus Schuurman vorbei”, sagt sie grinsend. Wir tun, wie uns geheißen, passieren die Werkräume der Sektion für bildende Künste – wo hinter schmutzigen Fenstern bedeutungsschwanger die von Fotos mit Steiner bekannten Modelle des Ersten Goetheanums vor sich hinstauben – und stehen plötzlich vor einem geflügelten Löwenbändiger in Bronze, der schmollend ins Tal blickt. Wer mag das sein? Eigentlich spricht ja in diesem Surrounding alles dafür, dass es sich um Erzengel Michael handelt. Aber seit wann hielt der Löwen? Und warum? Ariel vielleicht? Wer auch immer es ist, er hat jedenfalls heute morgen vergessen die Lockenwickler aus dem Haar zu entfernen und sollte sich dem Gesichtsausdruck nach auch mal mehr mit den schönen Seiten des  Lebens beschäftigen.

Nach dem Gespräch mit Robin schlendern wir, begleitet von dem machtvollen Klopfen eines offensichtlich extrem enthusiastischen Bildhauers, zurück zum Goetheanum und entscheiden dort, den Hügel in westlicher Richtung hinabzusteigen, denn dort unten irgendwo muss das neue Judith von Halle-Zentrum sein. Und das wollen wir uns natürlich unbedingt ansehen. Vorher allerdings schiebt sich in unseren Blick eines der prägendsten Gebäude des Dornacher Hügels: der heutige Sitz des Rudolf Steiner Archives – Haus Duldeck.

Der Psychiater Wolfgang Treher, der Rudolf Steiner für schizophren hält, schreibt zu diesem Bau: “Der seltsame, jedoch gar nicht zufällige Name weist wie der seltsame Bau selbst auf die Leidensseite, den Seelenschmerz hin, der Steiners Krankheit begleitet. … das Hausdach hat außerdem ein Gesicht und ist zusammen mit dem Balkon als weit geöffnetem ‘Mund’ ein schauriger Ausdruck von Seelenqual.”(2) “Seit ich diesen Text gelesen habe, sehe ich in der Gebäudefront immer dieses bescheuerte, an die Maske aus Scream erinnernde Schreigesicht, das Treher da vermutet”, beschwert sich Ansgar. Felix bleibt kurz stehen, fixiert das Gebäude und nickt: “Mich erinnert’s extrem an Edvard Munch, wenn man den Fokus erst einmal eingestellt hat”. “Stimmt” sagt Ansgar, “das passt sogar noch besser.”

Das nächste Kuriosum lässt nicht lange auf sich warten: Links und rechts des gepflasterten Weges von der Westseite des Goetheanums hinunter zu Haus Duldeck stehen seltsame, verwitterte Betonwegsteine. Keinen Meter hoch, in aus Anthroposophistan gewohnter Weise mit kristallinen Verwinkelungen und abgeschliffen rechten Winkeln versehen.  In ihrer leicht zum Goetheanum hingeneigten Haltung wirken die Steine – nicht nur für Treherianer – wie devote Waldorf-Zwerge oder gebeugte, demütige, kapuzentragende Pilger, emsig auf dem Weg zu ihrem Tempel.

 

Judith von Halle und die Plattenbauten anthroposophischer Wahrheit

Wir flanieren weiter hügelabwärts und entdecken schließlich voller staunender Ergriffenheit in Oberdornachs Gässchen, worüber andere noch rätseln, und zwar direkt hinter dem Reformhaus Keller: Einen Tempel, beziehungs- und überraschenderweise eine “Schreinerei”, errichtet eigens für die Vortragstätigkeit Judith von Halles. Die hat nicht nur in der Boulevardabteilung der Akasha-Chronik Details über Ess- und Sitzgewohnheiten Jesu und seiner Jünger erfahren, sondern dabei praktischerweise auch noch Stigmata empfangen. Weil das aber in der offiziösen AAG keiner glauben wollte und ihr deshalb zunächst nicht gestattet wurde, Vorträge am Goetheanum zu halten, musste eine andere Örtlichkeit her – die “Schreinerei” eben. Wir schleichen einmal vorsichtig um das Gebäude herum und erwarten, irgendwo auf ein Hochatelier für eine eventuell geplante Christusplastik zu stoßen, aber das fehlt offenkundig noch. Das Vortragsverbot im Goetheanum soll inzwischen übrigens aufgehoben worden sein: Wie die Elementarwesen aus allen Büschen pfeifen, angeblich, weil der AAG sonst die gänzliche Abwanderung zahlkräftiger Judith-von-Halle-Fans droht.

ansgar-dornach-2010felix-dornach-2010Abends bei K. gibt es von uns in aufopferungsvoller Hingabe handgemachte spanische Empanadillas – kleine, gefüllte Teigtaschen, die nach dem Backen ein wenig an Haus Duldeck in der Treherperspektive denken lassen. Nach dem Essen entzünden wir auf der Terrasse eine Finnenkerze und lesen in Taja Guts wunderbarem Büchlein Wie hast du’s mit der Anthroposophie?: “Das Anrüchige, das der Anthroposophie vielfach anhaftet, das von Anfang an Spott, Verleumdungen und Attacken in auffallender Gehässigkeit hervorgerufen hat und auch heute ahnungslose Gesprächspartner noch immer leer schlucken lässt, wenn die Rede auf Steiner kommt – es ist, wie mir scheint, zu einem großen Teil der Fraglosigkeit gewohnheitsmäßiger Anthroposophen zuzuschreiben, ihrem Drang, die Menschheit in die Plattenbauten ihrer Wahrheit einzuweisen.” Da hat Taja Gut einen diagnostischen Volltreffer gelandet, kommen wir überein; genau so scheint es uns auch. Und hinzu tritt noch eine in jeder relevanten Beziehung betonte Ernsthaftigkeit, die sich mit lähmender Humorlosigkeit paart – wobei wir Humor hier als die Fähigkeit meinen, über sich selbst lachen zu können. Das alles zusammen macht einen normalen, entspannten Umgang mit der Angelegenheit “Anthroposophie” unerträglich schwer.

 

Gitanes ohne Filter und Marie Steiners Kampf

Am Dienstag Morgen treffen wir um halb zehn den Archivleiter Uwe Werner im Raucher-Bereich des Mitarbeiter-Cafés, dessen Betrieb die ehemals zuständige Goetheanum-Mitarbeiterin inzwischen restlos einer pflegeleichten und lohnnebenkostenfreien Münzeinwurf-Kaffeemaschine übertragen musste; wir sitzen, plaudern und rauchen Uwe Werners wunderbare Gitanes ohne Filter. Unter anderem fragen wir ihn, den Franzosen aus Leidenschaft, ob denn Französisch seiner Ansicht nach tatsächlich eine dekadente, leichnamhafte Lügensprache sei (so Steiner 1923 urplötzlich nach der französischen Besetzung des Ruhrgebiets). Werner findet Steiner diesbezüglich zumindest einseitig. Wir finden, der gute Steiner ist da ziemlich chauvinistisch eskaliert.

Nachmittags: Ortstermin beim Steiner Archiv im Haus Duldeck. Der ausgesprochen reizende Stephan Widmer nimmt sich unserer Forschungsinteressen an und lässt uns nach Herzenslust in Steiners Notizbüchern stöbern und Steiners Bibliothek durchsuchen. Wir begrüßen Walter Kugler, der uns wenigstens kurz “Hallo” sagen will, da er gleich zu einem Event in Basel aufbrechen muss. Schade, dass wir keine längere Gesprächsgelegenheit haben; wir drohen lachend unsere Wiederkunft an – und die wird keinesfalls nur im Ätherischen stattfinden! Und weiter geht’s mit dem Gewühle in Steiners Bibliothek, zu der wir tiiiiief in den Keller des Hauses Duldeck hinabgestiegen waren: Wie erwartet, findet sich dort so ziemlich alles von David Friedrich Strauß (3); Nietzsche ist auch komplett vorhanden, nur der Antichrist fehlt – und dabei mochte Steiner gerade den doch besonders gerne, jedenfalls vor 1900: “Eines der bedeutsamsten Bücher, die seit Jahrhunderten geschrieben worden sind”, sei es; seine eigenen Empfindungen habe er darin “in jedem Satz wiedergefunden”, bekannte er einst gegenüber Pauline Specht. “Ich kann vorläufig kein Wort für den Grad der Befriedigung finden, die dieses Werk in mir hervorgerufen hat” …

Wir entdecken vier Bücher von Freud, eins davon ungelesen – ziemlich wenig, gemessen an der umfassenden Gnadenlosigkeit der Steiner’schen Psychoanalyse-Antipathie. Und dann Fichte! Felix schlägt vor Begeisterung auf den Tisch, als er entdeckt, dass Steiner offenbar aus dem wunderbaren kleinen Einweihungsbüchlein Die Bestimmung des Menschen alle irrelevanten Seiten herausgerissen und weggeworfen hat; nur das entscheidende Kapitel Nr. 2 – “Wissen” – ist vorhanden. Großartig!

Beeindruckend ist die Bandbreite von Steiners okkulter Literatur: Neben unzähligen der bekannten Theosophica hat Steiner scheinbar die Publikationen seines Konkurrenten auf dem Feld ätherischer Christusprophezeiungen, Max Heindel (4), genauestens verfolgt und sogar die Werke der Martinisten Fabre d’Olivet und Papus (i.e. Gerard Encausse) besessen. Die waren schon zu seiner Zeit bereits fast vergessen, sind aber die eigentlichen Schöpfer der bis heute meist den Theosophen zugeschriebenen Lehren von kosmischer Evolution, Atlantis und sich ablösender “Kulturepochen”. Steiners Wissen über Papus dürfte auch Ansgars bisher nur diffus beantwortete Frage nach der auffälligen Strukturgleichheit der “Sozialen Dreigliederung” mit der martinistischen “Synarchie”(5) erhellen. Überraschend klein ist dagegen Steiners pädagogische Bibliothek, die neben allgemeinen Pädagogikbänden vor allem Literatur über die berüchtigten vier Temperamente enthält.

Aus der hinter Glaswänden imposant verschlossenen Bibliothek Steiners begeben wir uns in einen weiteren Kellerraum, wo in wenig anheimelnden Aktenschränken und einer Art fahrbarer Metallwände Steiners Original-Notizbücher, große Teile seiner Briefwechsel, in zylinderartigen Rollen die berühmten Wandtafelzeichnungen und die Nachlässe einiger AnthroposophInnen schlummern. Stephan Widmer erläutert uns gerade, dass wir uns jetzt in dem Gang mit der Bibliothek Marie Steiners befinden, als wir nach rechts blicken und direkt vor einem Exemplar von “Mein Kampf” stehen. Wir zögern. Wollen wir das wirklich wissen? Beherzt nehmen wir schließlich das Buch aus dem Regal und schlagen es auf. Es wimmelt von Anstreichungen, neben einigen Passagen prangen fette Ausrufezeichen. In der Kürze der Zeit ist allerdings keine bestimmte Rezeptionsrichtung zu ermitteln und damit verbieten sich bis auf Weiteres alle Nahelegungen. Wir nehmen uns vor, beim nächsten Besuch genauer zu schauen.

 

Thomas Meyer und die Reitlehrerin

Bei K. gibt es abends ausgezeichnetes Kartoffelgratin und Salat. Nach dem Essen setzen wir uns mit Wein, Espresso und Zigarette auf die Terrasse und blicken die Straße entlang. Es ist inzwischen halb elf und wir sind wiederum überrascht, dass um 22 Uhr nicht nur das Licht im Goetheanum ausgeht, sondern auch totale Stille auf dem Hügel einkehrt. Es scheint mehrheitlich ein bienenfleißiges Völkchen zu sein, das hier lebt. Urprotestantische Bienen, wohl, die die Arbeitsethik völlig verinnerlicht und keinen Sinn für Vergnügen und abendliche Terrassengespräche bei Wein und lauer Luft haben – “Schaffet, dass ihr selig werdet” (2. Philipper)? Auch das scheint eine immer noch wirkende Vorgabe von Steiner zu sein, der selbst an Sylvester um 22 Uhr nach Hause ging.

Ganz oben in der Straße reiht sich ein Haus in anscheinend völlig ahnungsloser, fast schon naiv wirkender Normalo-Architektur ein bisschen frech an die behäbigen und auf dieser Straßenseite betongrauen Anthrobauten mit ihren wallenden Dächern. Dort also beginnt in südöstlicher Richtung die Außenwelt. Es müssen mutige Siedler sein, die mit ihrer konventionellen Bleibe und offenbar ganz ohne Arg die Demarkationslinie bilden, hinter der Anthroposophistan beginnt. Wir würden sie gerne kennen lernen – vielleicht haben sie ja noch gar nicht bemerkt, wo sie sich hier niedergelassen haben? Wenn man zu den falschen Zeiten aufsteht und zu Bett geht, erscheint es ja durchaus möglich, nie einen der nachtscheuen Anthroposophen zu Gesicht zu bekommen. Müssten wir sie nicht aufklären? Warnen, immerhin?

Drinnen sichten wir anschließend Ansgars Zeitschriftenrecherche-Ausbeute des Tages und stoßen auf ein Interview, das Chefredakteur Thomas Meyer in der November-Ausgabe 2009 des Europäer mit der als vermeintliche Reinkarnation Anne Franks berüchtigt gewordenen Barbro Karlén geführt hat. In blindem Einverständnis lesen wir nach kurzem Überfliegen den Text laut, mit verteilten Rollen und Tränen in den Augen:

Felix Hau, sehr interessiert, als Thomas Meyer: Mittlerweile bist Du ja berufsmäßig als Reitlehrerin tätig, nicht wahr?

Ansgar Martins, als Barbro Karlén, mit größter Selbstverständlichkeit: Ja, ich reite jeden Tag Pferde ein. Dann führe ich Gespräche mit Walter, wenn er mich darum bittet. Und schließlich habe ich auch ein Geschäft, das „Always a Good Ride“ heißt, mit mechanischen Pferden, die ich auch in den USA vertreibe.

Felix Hau will es nicht glauben: Die kaufst Du und verkaufst sie also weiter?

Ansgar Martins, beschwichtigend: Genau genommen lease ich sie weiter.

Felix Hau fasst wieder Mut: Machst Du immer noch an Reitwettkämpfen mit?

Ansgar Martins, sichtlich ungehalten: Ja, natürlich.

Felix Hau, neugierig: Hast Du Preise gewonnen?

Ansgar Martins, leicht verschämt: Ja, meistens!

An dieser Stelle des weltbewegenden europäischen Dialoges brechen wir endgültig vor Lachen zusammen.

Weniger amüsant sind andere Artikel in besagter Zeitschrift, die sich einer esoterischen Betrachtung des Ersten Weltkriegs widmen und überall antideutsche Verschwörungen, hauptsächlich amerikanischerseits vermuten. Dann doch lieber 15 süßlich-unpolitische Flensburger Hefte mit interviewten “Elementarwesen”. Das bizarre Flair Dornachs liegt eben darin, dass es widerspruchslos und ohne eines dieser Themen besonders brisant zu finden, seit 90 Jahren ungebrochen beides umfasst.

Nach drei Tagen Dornacher Unternehmungen können wir so, zwar mit einigen Vorhaben für den nächsten Besuch, aber durchaus ohne Abschiedstränen, die Rückreise antreten: nach Hause, auf die Erde.

 

Post Scriptum

Ach so: Der mysteriöse Name “Bluthügel” stammt übrigens von einem ausgesprochen exoterischen Anlass her: Am 12. Juli 1499 besiegte die Schweizer “Eidgenossenschaft” hier in der letzten Schlacht des Schwabenkrieges Habsburger kaiserliche Truppen aus dem “Schwäbischen Bund”, die die Burg Dorneck – die erste Burg im Gebiet der Eidgenossenschaft – einnehmen wollten. Bei dem Gemetzel starben mindestens 4.000 Menschen, von denen, wie Forschungen von 2008 ergaben, die meisten aus Gründen mangelnder Friedhofskapazitäten einfach an Ort und Stelle liegen gelassen wurden. Das hat rückblickend auch ein Gutes: Nachlassstreitigkeiten und anthrointerne Querelen nehmen sich auf dem Boden dieser historischen Altlasten des Dornacher Hügels aus wie die Ereignisse eines Vormittages in einem Mediationskomittee für Kindergärten.

 

Fußnoten:

  1. Willy Storrer, 1895-1930, galt als charismatische und eigenständige Persönlichkeit innerhalb der frühen anthroposophischen Szene. Er war Mitinitiator der Schweizer Rudolf Steiner-Schulbewegung, Mitbegründer der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, erster Administrator der Wochenschrift Das Goetheanum und vor allem Gründer der Kulturzeitschrift Individualität. Storrer liebte schnelle Autos und – Flugzeuge. Am 3. Mai 1930 verunglückte er tödlich mit seinem Sportflugzeug beim Tiefflug über die Gempenplatte bei Dornach. (Quelle: Forschungsstelle Kulturimpuls)
  1. Wolfgang Treher: Hitler, Steiner, Schreber – Gäste aus einer anderen Welt: Die seelischen Strukturen des geisteskranken Prophetenwahns (1966), Oknos Verlag, Emmendingen 1990, S. 305.
  1. David Friedrich Strauß, 1808-1874, evangelischer Theologe und Philosoph. Erlangte Berühmtheit mit seinem Buch Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet, in dem er u.a. das Prinzip des Mythos auf den gesamten Inhalt der Evangelien anwendet, die er als “geschichtsartige Einkleidungen urchristlicher Ideen, gebildet in der absichtslos dichtenden Sage” deutet.
  1. Max Heindel (i.e. Carl Louis Graßhoff), 1865-1919, gebürtiger Däne, aber schließlich in Kalifornien heimisch, wurde als Astrologe und christlicher Okkultist bekannt. Als Vizepräsident einer amerikanischen Theosophengruppe lernte er 1908 auf einer langen Deutschlandreise Steiner kennen, von dem er sich aber enttäuscht abwandte – entweder, wie er selbst natürlich erzählte, weil er alles, was Steiner zu sagen hatte, schon kannte, oder, wie die kritische Literatur behauptet, weil Steiner ihm die Aufnahme in bestimmte Freimaurergrade verweigerte. Mysteriöserweise waren seine späteren Lehren praktisch identisch mit denen Steiners bis 1908…
  1. Synarchie: Zuerst von Saint-Yves d’Alveydre, Papus’ “geistigem Meister” formulierte Gliederung a) des Menschen in die drei Systeme “Ernährung”/ “Leben”/ “Denken” (bei Steiner: Stoffwechsel-, Rhythmisches und Kopfsystem) und analog dazu der Regierung nach b) Wirtschaftlichem Leben / Gesetzgebung und Rechtsprechung /”Richtungsweisende Staatsmacht” (bei Steiner: Wirtschafts-, Rechts- und, um einiges liberaler, “Geistesleben”).

 

 

Ein Gedanke zu „Dornach-Reportage“

  1. Hallo.
    Als konfessionsloser Satansbraten (;-) konnte ich trotzdem aus vielen Schriften Steiners mir Wissen aneignen (100jahre sind eine Zeit wo Deutsch und Bedeutung sich auch durch Gesellschaft sich stark wandeln kann)… Ich habe auch mit Anthroposophen stets gute Erfahrungen gemscht (obwohl ich als Industrialfreak kaum in deren Schema passe…)… Man muss gewisse Schriften wirklich länger studieren, um deren Kern zu erfassen… Habe mit Christen schwieriges erlebt, also lasse ich mir von jenen auch nichts erklären, verstehe ich sehr gut… freundliche grüsse gael (auch Namen extra klein geschrieben;-)

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